43,8 Prozent für die AfD: Was der Wahlsieg in Sachsen-Anhalt über unsere Gesellschaft verrät – und was Unternehmen daraus lernen können
Der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt ist mehr als ein politisches Ereignis. Er ist ein Signal über Vertrauen, Veränderung und die Beziehung zwischen Menschen und Institutionen. Auch Unternehmen sollten dieses Signal ernst nehmen.
“Behind Blue Eyes” – so der Titel unseres Artikels ist ein wenig fröhliches Musikstück von Limp Bizkit (im Original von The Who) YouTube. Im Song geht es im Kern um einen inneren Monolog eines Menschen, der sich von anderen missverstanden, ausgegrenzt und emotional isoliert fühlt. Der Sänger beschreibt Einsamkeit, Wut, Verletzlichkeit und den großen Wunsch nach Nähe. Gleichzeitig ist ihm bewusst, dass ihn seine Wut und sein Verhalten von anderen entfernen.
Ebenfalls wenig fröhlich stimmt uns STRATEGY PIRATES®, dass in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent der Stimmen für die AfD abgegeben wurden. Magere 17,2 Prozent entfielen auf die CDU.
Das ist ein Ergebnis, das die politische Landschaft in Sachsen-Anhalt fundamental verändert. Die AfD ist damit deutlich stärkste Kraft geworden und hat ihr Ergebnis gegenüber der Landtagswahl 2021 mehr als verdoppelt. Eine absolute Mehrheit hat sie zwar verfehlt, doch die Dimension des Ergebnisses ist unübersehbar.
Warum wählen so viele Menschen die AfD? Was sagt dieses Wahlergebnis über den Zustand unserer Gesellschaft aus – und was können Sie als Unternehmer daraus lernen?
Denn hinter politischen Entscheidungen stehen Menschen. Menschen mit Erwartungen, Ängsten, Erfahrungen und dem Bedürfnis, gehört und ernst genommen zu werden. Und genau diese Mechanismen finden sich eben nicht nur in der Politik. Sie wirken auch in Organisationen, wie in Ihrem Unternehmen.
Wenn das Vertrauen Stück für Stück verloren geht
Politische Parteien sind – ebenso wie Unternehmen, Führungskräfte oder Institutionen – auf Vertrauen angewiesen.
Vertrauen entsteht, wenn Menschen den Eindruck haben:
- Meine Perspektive wird gehört.
- Die getroffenen Entscheidungen sind nachvollziehbar.
- Die Verantwortlichen wissen, was sie warum und mit welchem Ziel tun.
- Meine Interessen werden berücksichtigt.
- Veränderungen werden fair gestaltet.
- Aussagen und tatsächliches Handeln stimmen überein.
Geht dieses Vertrauen verloren, entsteht (im schlimmsten Fall eine unüberbrückbare) Distanz.
In der Politik kann diese Distanz dazu führen, dass Menschen etablierte Parteien nicht mehr wählen. In Ihrem Unternehmen zeigt sie sich beispielsweise durch innere Kündigung, steigende Fluktuation, Widerstand gegen Veränderungen oder eine zunehmende Distanz zwischen Mitarbeitern und Führung.
Das macht das Wahlergebnis auch für Ihr Unternehmen relevant.
Denn Vertrauensverlust beginnt selten mit einer einzelnen Entscheidung. Er entsteht häufig schleichend, denn steter Tropfen höhlt den Stein. Und der zehnte Austausch der Mitarbeiter untereinander in der Teeküche eben auch.
Menschen reagieren nicht nur auf Fakten – sie reagieren auf ihr Erleben
Politische Entscheidungen lassen sich nicht allein über objektive wirtschaftliche Kennzahlen erklären.
Menschen bewerten ihre Lebenssituation hauptsächlich danach, wie sie sie subjektiv erleben.
- Habe ich das Gefühl, dass es vorangeht?
- Macht mir dies oder das Angst?
- Kann ich meine Zukunft planen?
- Wird meine Leistung anerkannt?
- Kann ich mir mein Leben noch leisten?
- Verändert sich meine Umgebung schneller, als ich mich darauf einstellen kann?
Und vor allem:
- Habe ich das Gefühl, dass jemand diese, meine Sorgen versteht und darauf eingeht?
Diese Fragen sind psychologisch bedeutsam. Gerade in Zeiten großer Veränderungen können Unsicherheit und Kontrollverlust das Bedürfnis nach Orientierung und klaren Antworten verstärken.
Besonders populistische Parteien können hier ein einfaches Deutungsangebot machen:
komplexe Probleme werden auf wenige Ursachen reduziert, Verantwortliche benannt und klare Lösungen versprochen.
Das ist psychologisch verdammt attraktiv – nicht unbedingt, weil Menschen „dumm“ sind, sondern weil Komplexität anstrengend ist und Sicherheit ein menschliches Grundbedürfnis darstellt.
Die Psychologie des Kontrollverlusts
Die vergangenen Jahre waren geprägt von tiefgreifenden Veränderungen:
Pandemie, Inflation, Energiepreise, geopolitische Konflikte, Migration, technologische Umbrüche und die Transformation der Arbeitswelt.
Viele dieser Entwicklungen können Einzelne kaum beeinflussen. Doch genau daraus kann ein Gefühl von Kontrollverlust entstehen. Denn die Welt, wie man sie kannte beginnt nicht mehr zu existieren – oder man nimmt deren Existenz nicht mehr wahr.
Psychologisch reagieren Menschen darauf häufig mit dem Wunsch nach:
- Orientierung.
- Vereinfachung.
- Kontrolle.
- Zugehörigkeit.
Wer das Gefühl hat, dass die Welt immer komplizierter wird, kann sich von Botschaften angezogen fühlen, die diese Komplexität reduzieren.
Das ist eine wichtige Erkenntnis – auch für Ihr Unternehmen.
Denn auch Transformation scheitert selten allein an den fehlenden Argumenten. Sie scheitert häufig daran, dass Menschen das Gefühl haben:
„Über mich wird einfach so entschieden, aber ich habe keinen Einfluss. Die da oben haben sich etwas ausgedacht, ohne zu wissen was das für uns bedeutet…“
Veränderung ohne gute Kommunikation und ohne Beteiligung erzeugt Widerstand
Und ja, Unternehmen sind diese Muster bestimmt schon begegnet.
- Eine neue Strategie wird beschlossen.
- Ein neues ERP-System wird eingeführt.
- Standorte werden zusammengelegt.
- Prozesse werden digitalisiert.
- Künstliche Intelligenz verändert die bisherigen Arbeitsabläufe.
Solche Entscheidungen haben Sie bereits getroffen?
Aus Ihrer und der Sicht des Managements sind die Gründe häufig rational und völlig nachvollziehbar. Eine insgesamt gute Entscheidung. Doch für die betroffenen Menschen kann die Situation ganz anders aussehen. Da tauchen eventuell Unsicherheiten auf. Betroffene fragen sich:
- Was bedeutet das für mich?
- Was verliere ich?
- Werde ich noch gebraucht?
- Kann ich da mithalten?
- Warum wurde ich nicht vorher gefragt?
Wenn diese angstbesetzten Fragen unbeantwortet bleiben, entsteht Widerstand.
Nicht zwangsläufig, weil Menschen Veränderungen ablehnen. Sondern weil sie Verlust befürchten und gleichzeitig Kontrolle verlieren.
Anerkennung ist ein unterschätzter Faktor
Ein weiterer psychologischer Mechanismus hinter politischen Verschiebungen ist das Bedürfnis nach Anerkennung.
Menschen wollen nicht nur materielle Sicherheit. Sie wollen das Gefühl haben, dass ihre Lebensleistung, ihre Identität und ihre Perspektive wirklich etwas wert sind, dass ihre Handlungen Sinn machen, dass sie ein Teil des großen Ganzen sind.
Wo dieses Gefühl fehlt, kann (politische) Unzufriedenheit entstehen.
Die Botschaft „Ihr werdet nicht gesehen“ kann sehr viel stärker wirken als eine detaillierte politische Programmatik.
Auch Sie als Unternehmer sollten diesen Mechanismus nicht unterschätzen.
Ein Mitarbeiter, der jahrelang gute Arbeit leistet, aber keine Anerkennung erfährt, wird nicht unbedingt wegen eines einzelnen Problems unzufrieden. Denken Sie wieder an den steten Tropfen.
Der Mitarbeiter kann irgendwann das Gefühl entwickeln:
„Hier zählt meine Leistung nicht. Schließlich wird sie, werde ich, nicht gesehen.“
Und genau an diesem Punkt wird in schlecht kontrollierbarer Dynamik aus einem Sachproblem ein emotionales Problem.
„Wir gegen die“ – wenn Fronten entstehen
Besonders problematisch wird es, wenn gesellschaftliche oder organisationale Konflikte zu einem „Wir gegen die“ werden.
Die Gesellschaft teilt sich dann gedanklich in 2 Gruppen. Schwarz-Weiß-Denken in Form von:
Wir hier – die da.
- Die Bürger gegen die Politik.
- Die Beschäftigten gegen das Management.
- Die Praktiker gegen die Zentrale.
- Der „Arbeitsmann“ gegen die da oben.
Solche Gruppengrenzen sind psychologisch ausgesprochen wirksam.
Denn sobald Menschen eine Gruppe als Teil ihrer eigenen Identität wahrnehmen, werden Argumente der anderen Seite häufig nicht mehr neutral bewertet. Die Kritik an der Gruppe wird als Kritik an der eigenen Person verstanden.
Damit wird ein guter Dialog immer schwieriger.
Für Unternehmen ist das eine ernsthafte Warnung.
Wo sich Lager bilden, wird Veränderung teuer.
Veränderung wird hier zum Business Case.
Was Sie als Unternehmer aus dem Wahlergebnis lernen können
Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt ist deshalb auch eine Aufforderung an Führung und Organisation. Nicht zwingend im Sinne einer politischen Positionierung.
Sondern im Sinne einer Reflexion darüber:
Wie gut gelingt es mir eigentlich als Unternehmer, Menschen durch erforderliche Veränderung zu führen?
Ihre Aufgaben VOR der Entscheidung zur Veränderung sollten daher sein:
1. Zuhören, bevor man überzeugt
Führung bedeutet nicht nur, Entscheidungen zu kommunizieren (und damit Mitarbeiter zu konfrontieren). Sie bedeutet zunächst, zu verstehen, was Menschen im Kern beschäftigt.
Welche Sorgen gibt es? Welche Veränderungen werden als Bedrohung wahrgenommen?
Wo fühlen sich meine Mitarbeiter eventuell nicht gesehen? Und welche Probleme werden möglicherweise schon lange angesprochen, ohne dass etwas passiert ist?
Wer erst aufmerksam zuhört, kann anschließend besser erklären und anleiten.
2. Komplexität erklären, statt sie zu verschweigen
Menschen brauchen nicht immer einfache Antworten. Sie brauchen häufig verständliche Antworten auf komplexe Fragen.
Warum wird eine Veränderung notwendig? Welche Alternativen wurden geprüft? Was sind die Risiken? Was bedeutet die Entscheidung konkret? Und auch hier bitte ganz transparent: was kann das Unternehmen NICHT versprechen?
Gerade in unsicheren Zeiten ist ehrliche Kommunikation häufig glaubwürdiger als überoptimistische Botschaften.
3. Beteiligung ermöglichen
Beteiligung bedeutet nicht, jede Entscheidung demokratisch abzustimmen. Aber Menschen sollten klar erkennen können, WO sie persönlich Einfluss haben.
Das kann ein Feedbackprozess sein, ein Pilotprojekt, ein Beteiligungsformat oder schlicht die Möglichkeit, Einwände frühzeitig einzubringen.
Aus Betroffenen werden dadurch Mitgestalter.
4. Führung muss definitiv Orientierung geben – „Hier geht´s lang, so wird´s gemacht!“
In unsicheren Zeiten wächst die Bedeutung von Führung. Dabei geht es nicht um autoritäres Auftreten.
Gute Führung bedeutet:
Eine Richtung zu geben, Unsicherheit auszuhalten und die Verantwortung zu übernehmen.
Wer Orientierung gibt, ohne die Realität zu beschönigen, schafft Vertrauen.
5. Vertrauen als strategischen Faktor behandeln
Vertrauen wird in Unternehmen häufig als „weiches Thema“ behandelt.
Das ist, unseres Erachtens nach, ein grober Fehler!
Vertrauen beeinflusst Veränderungsgeschwindigkeit, Zusammenarbeit, Fluktuation, Innovationsbereitschaft und letztlich auch wirtschaftliche Leistungsfähigkeit.
Das aktuelle Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt zeigt auf gesellschaftlicher Ebene, was passiert, wenn Vertrauen über längere Zeit erodiert. Unternehmen sollten deshalb nicht erst reagieren, wenn Mitarbeitende innerlich bereits gekündigt haben.
Keine einfache Erklärung – aber ein klares Signal!
Natürlich wäre es zu einfach, den Wahlerfolg der AfD ausschließlich psychologisch zu erklären.
Wahlentscheidungen entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel aus wirtschaftlichen Interessen, politischen Einstellungen, regionalen Erfahrungen, Migration, Parteibindung, Mediennutzung, sozialen Netzwerken und individuellen Biografien.
Ebenso falsch wäre es, alle AfD-Wähler über einen Kamm zu scheren.
Aber eines lässt sich aus dem Ergebnis ableiten:
Ein erheblicher Teil der Bevölkerung ist mit dem bestehenden politischen Angebot, der politischen Arbeit, der politischen Kommunikation oder den gesellschaftlichen Entwicklungen höchst unzufrieden.
Das Wahlergebnis sollte deshalb nicht nur als Problem der Politik betrachtet werden.
Es ist auch ein Signal für die Gesellschaft insgesamt! Und damit auch für Unternehmen.
Die eigentliche Managementfrage
Die wichtigste Erkenntnis ist deshalb nicht in der Frage „Warum wählen Menschen die AfD?“ zu finden, sondern in einer viel unbequemeren Frage:
„Was passiert (auch in meinem Unternehmen), wenn Menschen über längere Zeit das Gefühl haben, dass ihre Sorgen, ihre Leistung und ihre Perspektive nicht ausreichend gesehen werden?“
Die Antwort darauf ist nicht nur politisch relevant. Sie ist auch für Organisationen von zentraler Bedeutung, denn Vertrauen entsteht nicht durch Werbe-Kampagnen.
Es entsteht durch Zuhören, Beteiligung, Verlässlichkeit, Orientierung und glaubwürdiges Handeln.
Das gilt für Politik. Und es gilt für genauso für Ihr Unternehmen!
Der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt ist deshalb weit mehr als ein Blitzlicht, eine Momentaufnahme.
Er ist ein guter und wichtiger Weckruf für alle Institutionen, die auf Vertrauen angewiesen sind.
Wer Menschen durch Veränderung führen will, muss zuerst verstehen, was Menschen bewegt.
Ihr
Steffen Moldenhauer
P.S.: Das Beitragsbild wurde mit KI-Unterstützung generiert