Wie asozial Social Media in Wirklichkeit ist
Instagram und Co. Wer von euch nutzt diese Social Media Plattformen nicht auch vermeintlich gerne? Aber sind Social Media Plattformen tatsächlich sozial? Schaut man in die sozialen Medien, so kann einen schon mal das Grauen überkommen. Verbale Angriffe, aberwitzige Meldungen, Abwertungen wohin das scrollende Auge reicht, der Güllekübel kann schließlich über jeden und alles geschüttet werden.
Facebook, Twitter, Telegramm & Co. schreien unisono: “Alle gegen Alles! Bodenloses bashen!”
Nur eine Plattform, die bleibt dabei unter dem Radar. Der scheinbar unschuldige Social Media Engel, mit seinen silbrig glänzenden Flügeln, der uns sanft über das geschundene Köpfchen streichelt und uns anschließend in das nach Rosen duftende pinke Wohlfühlbad tunkt: Instagram.
Nach aktuellen Zahlen des “D21-Digital-Index“ nutzte im Jahr 2024 vorrangig die Generation Z+, die Personen von 15 bis 28 Jahren umfasst, in Deutschland Instagram. Mit einem Nutzeranteil von 77 Prozent übertraf sie bei Weitem den Nutzeranteil der Generation Y von 59 Prozent. Von Deutschlands Gesamtbevölkerung nutzten rund 38 Prozent das soziale Netzwerk Instagram.
Nach Facebook ist Instagram gemessen am Anteil der Seitenabrufe das weltweit erfolgreichste soziale Netzwerk und spielt eine zentrale Rolle im Social Commerce. Instagram wird als ein soziales Netzwerk zum Teilen von Fotos und Videos beschrieben und gehört seit August 2012 zu Meta. Die Meta App wird also besonders von den jüngeren Usern täglich sogar mehrere Stunden genutzt. Im Durchschnitt kommt jeder Deutsche immerhin auf 15 Stunden (fast 2 Arbeitstage) im Monat (Quelle Statista & Junge Gründer).
Instagram wächst weiter – und das mit Sogwirkung.
Dabei entwickelte sich die App mit der kleinen pink-orangen Kamera über die letzten Jahre zur ungeheuren Aufwertung des äußeren Scheins, gleichzeitig nahm nach Sozial-Studien die Bedeutung der inneren Werte und damit der gesellschaftlichen Werte ab. Aber warum ist das so?
Perfide Funktionalität – Instagram als Nährboden für soziale Vergleiche
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Zudem auf der Suche nach Bestätigung ständig bestrebt, sich durch die Augen anderer zu bewerten, um sich so in einer Gruppe zu positionieren und seine Selbstachtung zu bestätigen. Sozialen Medien gelingt es, ein weitaus tiefgründiges Bedürfnis anzusprechen: Soziale Bindung.
Nisha Syed Nasser ist Neurologin. Gemeinsam mit einem Forscherteam unternahm sie im vergangenen Jahr einen weltweit bisher einzigartigen Versuch:
Sie steckte eine Vielzahl ihrer Studenten, die viel Zeit mit Instagram verbrachten, in einen Gehirnscanner. Dort beobachtete sie, was im Gehirn der Probanden passierte, wenn sie sich bei Instagram einloggten und jemand ihre Fotos beispielsweise mit einem „Like“ markierte.
Das Ergebnis, sagt die Forscherin, lasse sich einfach zusammenfassen:
“Instagram wirkt nicht anders als eine Droge.”
Das Gehirn wird wie durch Nikotin, Alkohol oder Glücksspiel positiv stimuliert. „Diese Glücksmomente prägen sich in die neuronalen Bahnen ein.“ Und das bringe Nutzer dazu, immer und immer wiederzukommen.
Währung Follower
Auch dein Gehirn betrachtet Instagram somit als Glücksmacher und Mittel zur sozialen Anerkennung. Es bestätigt dir, was du wert bist und was nicht. Die Likes machen den Unterschied. Jeder Follower funktioniert wie ein seligmachendes getretenes Gaspedal in Richtung Dopamin-Ausschüttung – dem biochemischen Glücksbotenstoff in unserem Gehirn.
Anerkennung durch Likes – überhaupt Anerkennung zu erhalten, ist ein grundsätzliches Bedürfnis von uns allen.
Ich möchte an dieser Stelle nur kurz darauf aufmerksam machen, dass jeder von uns Usern dabei ausgerechnet Instagram die Macht gibt, uns und unser Verhalten zu bewerten. Vom passend gezielt eingesetzten Algorithmus will ich hier gar nicht erst anfangen…).
„Das hast du gut gemacht!“ – „Oh wie toll ist dein neuer Haarschnitt, gut siehst du aus!“ – „Boahr, dein neues Auto ist der absolute Kracher!“ Wer von uns hält sich bei solch einer Anerkennungen die Ohren zu?! Niemand. Nur, dass Instagram & Co durch seine Likes mit diesem Wirkmechanismus ziemlich perfide spielt und dir Wertigkeit suggeriert und eben nicht im sozialen Austausch fungiert.
Kauf mich, gehöre zur Gruppe und fühle dich wertig(er)
Wir alle lernen u.a. durch beobachtendes Verhalten. Oft ist uns dies noch nicht einmal bewusst. Wir begehren automatisch, was andere begehren und lassen uns nur allzu gerne von sogenannten sozialen Netzwerken vorgaukeln, was das nun sein könnte. Und dabei ist Instagram zu einer Milliardenindustrie geworden.
Der perfekte, dauerfitte Körper, das Haus mit Pool, das leichte Leben, Champagner-Partys ohne Ende, der Genuss des Healthy Foods – ach ja, und ihr solltet die Reisebuchung bitte nicht vergessen… Da hat Instagram gleich prima Vorschläge im Programm: Wie wäre es zum Beispiel, an einem thailändischen Strand im Sonnenuntergang Hand in Hand spazieren zu gehen – wäre das nicht großartig?!
Instagram sagt dir unter Garantie, was du brauchst, von dem du vorher keine Ahnung hattest.
Instagram ist der wahrgewordene Traum aller Werbetreibenden
Was sich bei Instagram abspielt, sehen Millionen. Auf den Punkt gebracht: Instagram suggeriert dir deine Wertigkeit und so ganz nebenbei bekommst du die passende Werbung untergejubelt. Wenn du das kaufst/machst, gehörst du definitiv dazu. DU kannst das auch – Chacka! – musste halt nur selbst machen oder wahlweise, ganz einfach und praktisch: bestellen.
Das Ziel von Instagram ist nichts anderes, als dass du möglichst viel Zeit dort verbringst, möglichst viele Accounts abonnierst, um möglichst viele persönliche Daten von dir zu sammeln (prima Side-Effekt), um dir möglichst noch zielgerichtetere Werbung zu senden.
Influencern ist es über Instagram erfolgreich gelungen, ihre eigene Relevanz zu suggerieren – ohne ein besonderes Talent zu haben, außer dauerhaft präsent zu sein. Das komplette berufliche Dasein von Influencern basiert auf der offensiven Inszenierung ihres Privatlebens.
Instagram schlägt auf die Psyche
Selbstzweifel, ein vermindertes Selbstwertgefühl, Angstzustände, Depressionen:
All das kann Social Media sogar laut einer ziemlich inoffiziellen, aber doch dummerweise an die Öffentlichkeit geratenen, Studie von Facebook auslösen. Wir vergleichen uns ständig, online wie offline.
Was wir in Wirklichkeit brauchen, ist ein Umdenken.
Wir fokussieren zu sehr auf äußere Werte:
- Ein gutes Aussehen,
- ein teures Auto,
- die Markenuhr
Das heißt für viele von uns automatisch Erfolg.
Das sollten wir überdenken.
Erfolg kann bedeuten,
- erfüllende Beziehungen zu anderen Menschen zu haben,
- gute Gespräche zu führen,
- Zeit mit sich und seinen Liebsten verbringen zu können,
- Unternehmungen zu gestalten,
- Erfahrungen im realen Leben zu machen,
- persönliche Ziele zu verfolgen und
- mit sich selbst und seiner Umwelt im zufriedenen Einklang zu leben.
- Die Lebensmomente bewusst zu erleben, anstatt sie nur im Bild festzuhalten.
Erfolg kann ebenfalls bedeuten, nicht erfolgreiche Zeiten auszuhalten.
Australiens Regierung schützt Jugendliche mittlerweile gesetzlich vor zu frühem Social-Media-Konsum. Plattformen wie etwa Facebook, Instagram und TikTok sind erst ab 16 Jahren zugänglich. Überprüfen sollen das die Tech-Konzerne. Ein kluger Schritt, wie ich finde.
Auch ich habe als Traurednerin NATÜRLICH einen Instagram Account (Ilovefreeeve). Und zwar einen, der meinen (potenziellen) Kunden einen Eindruck vermittelt, wie locker und ungezwungen heute auf eine ganz moderne Art geheiratet werden kann. Zusätzlich zeige ich mich als Person und ein bisschen was aus meinem persönlichen Leben.
Dabei ist Instagram für mich ein Marketing-Instrument, bei dem ich dennoch absolut feinsinnig darauf achte und auch bewusst aussteuere, einen realen und vor allem ECHTEN Eindruck zu hinterlassen.
Die gesunde Lösung im Umgang mit Instagram?! Banal und zugleich genial
Ein gesunder Umgang mit (a-)sozialen Medien bedeutet, sich zunächst bewusst zu machen, was Schein und was Sein ist.
Mal kurz die Augen zuzumachen und einen Realitätscheck zu machen. Das Gesehene ganz einfach zu hinterfragen und auf Realität in der „normalen Welt“ zu überprüfen. Ein Mensch ab 25 ohne Falten? Gibt’s den wirklich? Oder das komplett sorgenfreie, dauerglückliche Leben? Eine Karriere stets easy, ohne Hürden und Herausforderungen? Ein Mensch ständig healthy und happy? Siehst du da auf Instagram tatsächlich ALLE Facetten eines Menschen/eines Lebens?
- Reflektiere dich selbst, was macht das Konsumierte mit mir als User?
Ein praktisches Werkzeug im Umgang mit Social Media Plattformen ist zum Beispiel:
Instagram nur noch mit einem aktivierten Timer zu nutzen. Schlichtweg die Nutzungshäufigkeit einzuschränken, sich selbst eine gesunde Nutzungsdauer-Obergrenze zu setzen. Somit das Hochladen, Durchscrollen, Posts & Stories bearbeiten und posten, Likes und Nachrichten checken auf eine gesunde Nutzungsebene zu heben. Fachleute sprechen hier von einer Dauer von maximal 45 Minuten pro Tag.
- Folge keinen, wirklich keinen Profilen, die Negativ-Gefühle oder Druck in dir wecken
- Lege regelmäßig den Realitäts-Check ein. Ertappe dich selbst vielleicht sogar ein wenig in Sachen Beeinflussbarkeit. Mache dir diese Beeinflussbarkeit bewusst. Versuche daraufhin “umzuschalten” und ebenso bewusst auf ein anderes Verhalten, wie den Genuss eines Offline-Momentes zu setzten.
Wie wär´s hiermit? Mal so ganz sozial?
Mama anrufen, ein Buch lesen, echte Freundschaften pflegen, einen echten Sprachkurs mit echten Menschen (nein, nicht online!) besuchen, ab ins Café/Restaurant gehen, ein Ausflug unternehmen (allein oder gemeinsam mit der Familie oder Freunden z.B. in die Natur).
Hach, mir fällt so viel ein – Wie wär´s mal damit?
Eure Office Queen der STRATEGY PIRATES®,
Judith Baldes